Draußenspiel FRÜHER

Bis in die Nachkriegszeit hatten die meisten Kinder Zeit und Gelegenheit, draußen mit den Kindern in ihrer Umgebung zu spielen. Für ihre Eltern gehörte das zur Kindheit dazu. Und da sie ebenfalls so aufgewachsen waren, wussten sie, womit sich Kinder draußen beschäftigen.

Die Eltern gaben Grenzen vor, räumliche Grenzen, und Grenzen, von dem, was die Kinder tun durften, um Unfällen vorzubeugen und um nicht durch allzu schlechtes Benehmen aufzufallen. So war es den Eltern wichtig, dass die Kinder bekannte Erwachsene grüßten. Streit zwischen Kindern interessierte die Eltern dagegen nicht.

Die Spielzeit war begrenzt. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es eine flächendeckende Schulpflicht. Außerdem mussten Kinder mitarbeiten, im Haushalt, die Mädchen mehr als die Jungen, oder bei der Erwerbstätigkeit der Eltern oder - als schlimme Auswüchse im 19. Jahrhundert – in Fabriken. Viele Arbeiten konnten mit Spiel verbunden werden. Kinder erledigten Botengänge oder hüteten Kühe oder Ziegen.

Im 18. Jahrhundert etablierte sich ein anderer Typ Kindheit: die bürgerliche Kindheit. Das Zeitalter der Aufklärung hatte Deutschland erfasst. Durch gebildete Bürger sollten der Staat und die Gesellschaft verbessert werden, etwa in Richtung Demokratie. Kinder sollten durch Bildung in die Lage versetzt werden, später eine gute berufliche und gesellschaftliche Stellung einzunehmen.

Bürgerliche Kinder, nur wenige Prozent der Bevölkerung, bekamen viel mehr Unterricht als die Kinder in anderen Schichten. Zu einer bürgerlichen Erziehung gehörten aber auch gute Umgangsformen und ein bürgerliches kulturelles Leben mit Büchern und bildenden Gesprächen.

Das Ideal war, dass Kinder ständig pädagogisch begleitet wurden, um erwünschte Werte und Verhaltensweisen zu fördern. Unbeobachtetes Spiel draußen passte nicht in dieses Konzept. Statt mit „Straßenkindern" sollten bürgerliche Kinder mit ausgesuchten Freunden spielen.

Diese Kindheit gilt im Prinzip auch heute noch als Ideal. Und unsere arbeitsteilige Gesellschaft ist ohne ausführliche Bildungsvermittlung nicht denkbar.

Die negativen Folgen der bürgerlichen Kindheit, Bewegungsmangel und Kontaktarmut, wurden bereits im 19. Jahrhundert bemerkt. Man versuchte sie durch weniger rigide Kontrolle der Kinder und durch Turnübungen zu mildern.

Im 20. Jahrhundert wurde der Bewegungsraum der Kinder jedoch durch den Autoverkehr drastisch verkleinert. Auch Flächen, die nicht von Erwachsenen genutzt werden, die bespielt werden können, gibt es kaum. Draußen spielende Kinder sieht man kaum noch.

Quellen

Imbke Behnken: Urbane Spiel- und Straßenwelten. Zeitzeugen und Dokumente über Kindheit am Anfang des 20. Jahrhunderts, Weinheim 2006

Jürgen Schlumbohm: Kinderstuben. Wie Kinder zu Bauern, Bürgern, Aristokraten wurden; 1700 – 1850, München 1983

CRE

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Der Rat für nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung hat "Draußenkinder" als Werkstatt N-Projekt 2016 ausgezeichnet.